“Ein Vorteil des Bildnerischen Prozesses und seines Produktes ist, dass er in jedem Fall auf die Psyche wirkt, ob nun darüber gesprochen wird oder nicht, ob er Bestandteil einer Therapie ist oder nicht.” Gertraud Schottenloher aus Kunst und Gestaltungstherapie – eine praktische Einführung.

Zu allererst ist Malen und Gestalten eine freudvolle Tätigkeit. Malen und Gestalten als entspannendes, lustvolles und vor allem wertfreies Tun führt zu mehr Lebensfreude, Selbstbewusstsein, besserer Selbstwahrnehmung, höherem Selbstwert und mehr Authentizität. Freude erhöht das Selbstvertrauen und die positive Einstellung zum Leben. Das Ziel des Weges ist es, mit künstlerischen Mitteln immer wieder die Frage nach dem eigenen Potenzial und dem Selbst zu stellen. Es geht nicht um Kunst, sondern um die gestalterische Arbeit, bei der es um den Selbstausdruck geht.

Wenn wir unsere Art zu denken betrachten, so wird unsere Gedankenwelt nur zu 10 % von verbalen Prozessen beherrscht. Die restlichen 90 % laufen als Bilder ab. Da ist es fast nahe liegend, dass Bilder im Kopf und Bilder am Papier einander begegnen und sich gegenseitig beeinflussen. Das heißt, unsere gemalten Bilder sind imstande, Bilder in unserem Kopf zu verändern. Die veränderten Bilder schaffen neue Gedanken und Gefühle. Neue Gedanken schaffen wiederum neue Bilder und so weiter. Genauer erklärt: Bilder aus unserer Kindheit, belastende Bilder aus unserer individuellen Geschichte und aktuelle Bilder prägen unsere Gedankenwelt. Im Malprozess gestaltete Bilder verändern unbewusst manifestierte Bilder im Gehirn. Diese Bilder werden durch gemalte Bilder ersetzt. Für das Gehirn ist beides Wirklichkeit. Das Bild im Kopf und das gemalte Bild. Das gemalte neue „Selbstbild“ kann das Hirn durch das Tun des Malens überzeugen und nicht die „Ein-Bildung“.

Gestalten und Malen wurde im “Im Fordergrund lernen” als pädagogische Hilfe in vielen unterschiedlichen Settings angeboten, um eine höhere Authentizität, inneres Wachstum, größeres Selbstbewusstsein, mehr Lernbereitschaft und lebenskreative Kräfte zu entwickeln, um dem einzelnen Menschen zu einer stärkeren Identität zu verhelfen und ihn in eine größere Unabhängigkeit zu führen. Dabei konnten wir in vielen unterschiedlichen Bereichen positive Auswirkungen beobachten.

Ein Fokus der kunsttherapeutischen Interventionen im Fordergrund lag einerseits darauf, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit und ohne Migrationshintergrund gefördert, unterstützt und gestärkt wurden. Viele Teilnehmenden sprachen wenig oder kaum Deutsch, hatten traumatisierende Erlebnisse hinter sich und kaum Möglichkeit, darüber zu reden. Das Malen machte viel möglich. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich über die Gestaltung unbewusst oder bewusst ausdrücken und danach ihre Gestaltung besprechen und reflektieren. Manche persönliche Geschichte konnte über die Gestaltung mitgeteilt werden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erzählten so berührende-bedrückende, aber auch lustige, herzvolle Erfahrungen. Sie erfuhren durch ihre Kolleginnen und ihre Kollegen und die Trainerinnen (Therapeutin) und den Trainer, dass ihnen zugehört wurde, dass Anteil genommen wurde und dass Mitgefühl gezeigt wurde. Das machte sie sensibel für die Erfahrungen ihrerer eigenen Geschichte und für die Geschichten anderer und förderte das Vertrauen untereinander. Sie handelten kreativer und das erweiterte ihren Handlungsspielraum und eröffnete ihnen neue Räume der Autonomie. Damit einher gingen größere Selbstwert, ein gestärktes Selbst und mehr Authentizität.

Manche Teilnehmenden hatten viele negative Lernerfahrungen hinter sich. Die kunsttherapeutischen Interventionen ermöglichten diesen Menschen, etwas zu tun, was in jedem Fall richtig war. Nachdem die Auseinandersetzung mit “das ist schön” und “das ist nicht schön” und mit “ich bin begabt” und “ich bin nicht begabt” abgeschlossen waren, konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr und mehr dem Gestaltungsprozess hingeben, Zeit und Raum versinken lassen – dieser Zustand verschaffte dem Geist Entspannung von den grüblerischen, sorgenschweren Gedanken des Alltags und ermöglichte dem Körper das Loslassen von Anspannungen und Verkrampfungen. Genau diese Erfahrungen beschrieben viele Teilnehmenden am Ende einer kunsttherapeutischen Einheit. Dazu erlebten die TeilnehmerInnen den Blick auf das Positive in ihren Gestaltungen, woraus sie Kraft schöpfen konnten.

Im Lernangebot “Im Fordergrund lernen” wurden zum Beispiel folgenden kunsttherapeutischen Interventionen mit den Teilnehmenden durchgeführt:

Da die kunsttherapeutischen Gestaltungen immer auch reflektiert und benannt werden, entstand die Idee, Malen, Gestalten, Sprechen und Schreiben zu verbinden. Diese Idee wurde im Rahmen einer Lerngruppe umgesetzt und ist unter Kunsttherapeutische Intervention: Mein Baum – Malen und Schreiben näher beschrieben.

Das freie oder offene Atelier führte Arno Stern ein. Er ging davon aus, dass jeder Mensch kreativ ist und durch regelmäßige „Übung“ seine verschüttete Kreativität freilegen und damit seinen Alltag wieder selbstwirksam gestalten kann. Beim Malen im offenen Atelier geht es um nichts anderes als um das „So-Sein“.

Eine Intervention steht am Beginn, um den „Kopf“ wegzuschalten. Dann wird mit verschiedenen Materialien gemalt, vorwiegend mit Acryl oder Ölpastellkreiden auf Papier. Die fertige Gestaltung wird benannt. Meist folgt eine Reflexion des Bildes, an der die gesamte Gruppe teilnimmt. Es hat jede und jeder die Wahl, sich darüber zu äußern, was er/sie sieht. Die Gruppe selbst nimmt also Anteil, meldete sensibel zurück und fungierte als Co-Therapeutin. Das Setting des Offenen Ateliers ist frei und ermöglicht einen Prozess der individuellen Selbsterfahrung, stärkt die Selbstwahrnehmung und den Selbstausdruck, fördert die Selbstwirksamkeit und führt zur kreativeren, authentischeren Lebensgestaltung im individuellen Lebens- und Lernalltag.

Wann macht Lernen Freude? Wann wird Lernen nicht als Last und Arbeit erfahren und lustlos absolviert? Dort, wo uns nicht bewusst wird, dass wir lernen, und dort wo unsere Neugierde, unser Interesse auf Neues so groß ist, dass der Aufwand, uns das Neue zu erschließen, nämlich das Lernen, ein freudvoll-zielgerichteter Prozess ist. Dazu gehört ein entspannter und wertungsfreier Raum und das Freiwerden von inneren Bewertungautoritäten. Das ist der schwierigste Prozess, die inneren strengen Instanzen nach und nach zu überwinden. Malen und Gestalten gehören im Offenen Atelier zu jenen Tätigkeiten und Prozessen, die genau diese Kriterien erfüllen können – mit entsprechender Begleitung durch die Kunsttherapeutin.

Innerhalb des Offenen Ateliers bekamen die Teilnehmenden von “Im Fordergrund lernen” also ein Stück Selbstachtung zurück, erlebten sich als Handelnde und Gestaltende und gewannen mehr und mehr Vertrauen in sich selbst und in die anderen. Die Teilnehmenden lernten die Erfahrungen der Entspannung durch das Gestalten, sie erlebten die Stärkung des Selbstwertes, sie lernten ihre Gefühle besser auszudrücken und zu beschreiben.

In unserem Offenen Atelier basierte die Besprechung auf größtmöglicher Freiwilligkeit und war ausschließlich ressourcenorientiert mit dem Blick auf den individuellen positiven Anteil. Die Teilnehmenden gaben also differenziertere Rückmeldungen und erkannten das Andere, das Fremde in der Kollegin und dem Kollegen. Unsere Gruppen waren sehr inhomogen: Migrantinnen und Migranten sowie Österreicherinnen, mit unterschiedlichem Bildungshintergrund, Alter sowie unterschiedlicher Konfession, Nationalität und sozialer Herkunft. Alle diese Unterschiede standen durch die  kunsttherapeutischen Arbeit nicht mehr im Vordergrund, sondern der einzelne Mensch mit seinen Gefühlen, Erfahrungen und Bedürfnissen – die Teilnehmenden entwickelten Sensibilität für Diversität und machte einen weiteren Schritt auf dem Weg hin von der Exklusion, über die Integration zur Inklusion.

All diese beschriebenen Kriterien machten die einzelnen Teilnehmenden offener und bereit für neue Lernerfahrungen und individuelle Lernwünsche. Sie ermöglichten ihnen eine stärkere Teilhabe an Angeboten innerhalb  von “Im Fordergrund lernen” aber auch außerhalb. Sie führten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu mehr Authentizität und machten sie im Lebensalltag kreativer und handlungsfähiger.

  • Erweiterung der Kenntnisse im Basisbildungsbereich und Erweiterung der IKT-Kenntnisse
    fördert die Lernbereitschaft, löst Lernblockaden, nimmt Ängste, macht neugierig, ermutigt, stützt, stärkt, motiviert, ist vertrauensbildend, unterstützt den Prozess der Zielerreichung, hilft Tiefs zu überwinden, ermöglicht die Entdeckung unbekannter, verdrängter und verdeckter Ressourcen und Fähigkeiten …
  • Erweiterung der Handlungsfähigkeit
    erkennen der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen, erkennen des Selbstwertes und dessen Stärkung, spüren der Selbstbestimmtheit, des Selbstseins und des wertvoll Seins, aussprechen der eigenen Bedürfnisse …
  • Erweiterung der Systemkenntnisse
    hilft Störfaktoren zu erkennen und zu benennen, ermutigt Hilfe in Anspruch zu nehmen …
  • Weitergabe der eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten an andere
    stärkt das Selbstbewusstsein, Selbstwertschätzung (Selbstwert), fördert die Selbstwahrnehmung und die Selbstachtung, macht kritikfähiger, macht konstruktiven Umgang mit Kritik möglich, führt zu individuellen Sprache und zum authentischeren Ausdruck, erhöht damit die Präsentationskompetenz, Sensibilisierung für Diversität, fördert die Anerkennung des Fremden, des Anderseins als selbstverständlich Gegebenes, durch die erfahrenen Selbstwertschätzung dessen was man ist, wer man ist und wie man ist (Sosein ist ok) …
  • Gesellschaftlich und Politische Partizipation
    fördert das Gemeinschaftgefühl, fördert die Ich –Stärke ( zu eigenen Meinung zu sich selbst stehen, wissen, wer man ist), fördert die Erfahrung etwas bewirken, „selbstwirksam“ zu sein, jemanden überzeugen und bewegen können (verschiedenen Projekte und andere), fördert die Alltags- und Lebenskreativität und macht damit handlungsfähiger, hilft konstruktive Kritik zu üben und selbst Kritik anzunehmen, fördert damit die Präsentationskompetenz …
  • Erweiterung der Lernkompetenz
    ermöglicht lernen als eine allumfassenden Prozess zu erkennen, hilft individuelle Lernvorlieben, -strategien und -techniken zu entdecken und zu nützen …